Bauen gegen Lawinen

Archivmeldung Austrian Standards
Bitte beachten Sie, dass Normen, Inhalte oder Links möglicherweise nicht mehr aktuell sind. Im Zweifelsfall oder bei Fragen wenden Sie sich an die Pressestelle.

Erstmals sind alle Arten permanenter Lawinenschutzbauwerke in einem einheitlichen Regelwerk erfasst.

Wien (AS prm, 2011-11-08)

Der Winter steht vor der Tür und die österreichischen Skigebiete bereiten sich auf den alljährlichen Urlauberansturm vor. Touristen aus vielen Ländern schätzen die abwechslungsreichen Pisten der Alpenregionen.

Doch malerisch anmutende Gebirgslandschaften bergen auch Gefahren. Jedes Jahr kommen in der heimischen Bergwelt Menschen ums Leben – oftmals durch Lawinen.

Für die Bewohner alpiner Regionen ist der Schutz vor der Urgewalt aus Eis und Schnee seit jeher überlebenswichtig. Aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begegnete man der Gefahr mit Hilfe der ersten Lawinenschutzbauten.

Mitte der 1950er Jahre wurden in Österreich und der Schweiz dann die mittlerweile weit verbreiteten Lawinenschutzwerke – die sogenannte Anbruchverbauung mit Stahlschneebrücken – entwickelt. Als technische Grundlage diente eine Richtlinie des Schweizerischen Instituts für Schnee und Lawinenforschung in Davos.

Das ganze Wissen in einem Regelwerk

In Österreich stützte man sich beim Lawinenschutz jahrzehntelang hauptsächlich auf die Erfahrung und die Baumethoden des Forsttechnischen Dienstes für Wildbach- und Lawinenverbauung. Dieses umfangreiche Wissen machte man sich auch bei der Formulierung der ON-Regel ONR 24806 „Permanenter technischer Lawinenschutz – Bemessung und konstruktive Ausgestaltung“ zunutze. Das Regelwerk, das voraussichtlich am 15. Dezember 2011 erscheint, entstand unter wesentlicher Mithilfe von „die.wildbach“, namentlich des Leiters der Tiroler Sektion, Dipl.-Ing. Siegfried Sauermoser. In der ONR 24806 sind – weltweit erstmals – alle Arten von technischen Lawinenschutzbauten in einem Dokument festgehalten.

Technikregeln am Letztstand

Nach österreichischem Recht unterliegen Lawinenschutzbauten dem Wasserrecht. Bauordnungen und Bautechnikgesetze gehen daher auf diese besonderen Bauwerke nicht ein, die Tiroler Bauordnung schließt sie sogar explizit von ihrem Anwendungsbereich aus. Sind nun wasserrechtliche Bewilligungen notwendig, ziehen Behörden üblicherweise Sachverständige für Lawinenverbauung bei. Konnten sich die Experten bislang nur auf ihre Erfahrungswerte stützen, so steht ihnen mit der neuen ONR zum Technischen Lawinenschutz erstmals ein umfassendes Kompendium mit dem aktuellen „Stand der Technik“ zur Verfügung.

Lawinenschutz
Credit: ASI prm

Schutz für Objekte und Infrastruktur

Die ONR 24806 befasst sich mit der Bemessung und konstruktiven Durchbildung (Gestaltung) von Lawinenschutzbauten sowohl im Nähr- und Anbruchgebiet einer Lawine als auch in ihrer Sturzbahn und in der Ablagerungszone. Das Regelwerk erfasst damit neben Stütz- und Verwehungsverbauungen auch Brems- und Ablenkdämme sowie Lawinengalerien. Somit ist diese ONR auch für Lawinenschutzbauwerke zur Sicherung von Verkehrsanlagen nach Eisenbahn-, Seilbahn- oder Straßengesetzen anwendbar.

Eurocode-kompatibel

Mit der neuen ONR 24806 liegt – gemeinsam mit den bereits in Kraft befindlichen ONRs 24805 und 24807 – erstmals ein umfassender „Stand der Technik“ für alle Arten von Lawinenschutzbauwerken vor. Sie definiert die technischen Anforderungen an den permanenten Lawinenschutz samt der Spezifikation der Bauteile, um eine Straße, einen Ort oder ein Objekt dauerhaft zu schützen. Bei der Bemessung von Lawinendämmen wurden neueste Forschungsergebnisse berücksichtigt und wesentliche Elemente der Qualitätssicherung für den Lawinenverbau – bei der Fundierung und Verankerung von Lawinenwerken – mit einbezogen.

Darüber hinaus wurden diese technischen Regeln an die entsprechenden Eurocodes angepasst und machen sie damit zur ersten Lawinenschutznorm, die mit den neuen europaweit einheitlichen Berechnungsmethoden kompatibel ist. Über das neu erschienene „Handbuch Technischer Lawinenschutz“ findet dieser bei Austrian Standards Institute entwickelte Standard mittlerweile auch weltweite Verbreitung und Anwendung.

„Wesentlicher Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung“

Dipl.-Ing. Dr. Florian Rudolf-Miklau, Vorsitzender des für die neue ON-Regel verantwortlichen Komitees 256, fasst die Bedeutung zusammen: „Mit Unterstützung von Austrian Standards Institute wurde ein ‚Nischeningenieurwissen‘ dem gesamten Bauwesen zugänglich gemacht. Angesicht der überragenden Bedeutung des Technischen Lawinenschutzes für die Sicherheit des alpinen Lebensraums wird damit ein ganz wesentlicher Beitrag für die nachhaltige Raum- und Wirtschaftsentwicklung der österreichischen Gebirgsregionen geleistet.“


Bibliographie

ONR 24805 „Permanenter technischer Lawinenschutz – Benennungen und Definitionen sowie statische und dynamische Einwirkungen“
ONR 24806 „… – Bemessung und konstruktive Ausgestaltung“ (erscheint voraussichtlich mit 15. Dezember 2011)
ONR 24807 „… – Überwachung und Instandhaltung“

F. Rudolf-Miklau, S. Sauermoser (Hrsg.):
Handbuch Technischer Lawinenschutz
Berlin 2011. ca. 400 Seiten
ISBN: 978-3-433-02947-3
Preis: EUR 89,00