EN 1090 - Änderungen für Schlossereibetriebe
Aktuell
[2012-02-03] Bis Juli 2012 hätten österreichische Metallbetriebe eine Zertifizierung gemäß ÖNORM EN 1090 erlangen müssen – nun wurde diese Frist bis zum 30. Juni 2014 verlängert. Dies bedeutet allerdings keine Aufhebung der EN 1090, sie gilt bereits jetzt. Lesen Sie mehr auf der Webseite der WKO.
[2012-01-02] Neue ONR 21090 bietet Orientierung bei der Wahl der Ausführungsklassen nach EN 1090 bei Stahl- und Aluminiumtragwerken.
Austrian Standards Institute arbeitet an Lösungen, um Anwender zu unterstützen und ihnen Sicherheit zu geben.
Wien (AS prm, 2011-06-27, aktualisiert 2012-01-20)
Die aktuelle Neuausgabe der Europäischen Norm ÖNORM EN 1090 „Ausführung von Stahltragwerken und Aluminiumtragwerken“ sorgt für Unruhe und Besorgnis unter Österreichs Stahlbauern und Schlossern.
Anlass sind die darin festgelegten so genannten „Anwendungsklassen“ und Konformitätsnachweise (Zertifizierung).
Austrian Standards Institute ist derzeit mit den Experten des für die EN 1090 zuständigen Komitees 013 „Stahl-, Verbund- und Aluminiumbau“ um eine praxistaugliche Lösung für österreichische Betriebe in Form einer ONR bemüht.
Worum geht es in der EN 1090?
Mit 1. Februar 2011 wurde Teil 1 „Konformitätsnachweisverfahren für tragende Bauteile“ als konsolidierte Fassung neu veröffentlicht. Die Teile 2 „Technische Anforderungen an Tragwerke aus Stahl“ und 3 „Technische Regeln für die Ausführung von Aluminiumtragwerken“ sind bereits seit Juli 2009 gültig.
ÖNORM EN 1090 regelt Anforderungen an die Ausführung von Stahltragwerken, um ein ausreichend hohes Niveau an statischer Tragfähigkeit, Standsicherheit, Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit sicherzustellen.
Diese dreiteilige Norm steht im Zusammenhang mit den sogenannten Eurocodes, einer 58 Teile umfassenden Reihe von Europäischen Normen (EN), die die Berechnungsregeln für das Bauwesen in Europa auf eine einheitliche Basis stellen. Diese ENs sind aufgrund der neuen EU-Bauprodukte-Verordnung künftig verbindlich anzuwenden.
Welche Bedeutung haben die Ausführungsklassen?
In der Norm sind (Punkt 4.1.2) die Ausführungsklassen folgendermaßen definiert: „Es gibt die vier Ausführungsklassen 1 bis 4, bezeichnet als EXC1 bis EXC4 (execution class), wobei die Anforderungen von EXC1 bis EXC4 ansteigen. Diese können für das gesamte Tragwerk, für einen Teil des Tragwerks oder für spezielle Details gelten.
Ein Tragwerk kann mehrere Ausführungsklassen enthalten. Ein Detail oder eine Gruppe von Details wird normalerweise einer Ausführungsklasse zugewiesen. Allerdings muss die Auswahl einer Ausführungsklasse nicht notwendigerweise für alle Anforderungen gleich sein. Wird keine Ausführungsklasse festgelegt, gilt EXC2.“
In der EN 1090-2 gibt es den Passus, dass Stahltragwerke nach einer bestimmten Sicherheitsklasse gebaut werden müssen. Diese sind abhängig von Kraftangriffen von außen, wie z.B. Wind oder Schnee. Es wurde allerdings nicht verbindlich im Detail definiert, welches Produkt welcher EXC angehören soll.
Viele Planer, Architekten, Bauherren wissen daher nicht mit Sicherheit, welche EXC für ein bestimmtes Produkt zum Tragen kommt und geben aus Haftungsgründen im Auftrag jedenfalls eine höhere Klasse an.
ONR als Hilfestellung
Bei Austrian Standards Institute ist das Komitee 013 „Stahl-, Verbund- und Aluminiumbau“ mit dem Thema beschäftigt. Die Experten, die aus der Praxis kommen, sind sich der Problematik bewusst und arbeiten bereits an Lösungen, die vor allem Schlossereibetriebe bei der Umstellung bestmöglich unterstützen sollen.
Als dringendstes Problem werden die Ausführungsklassen der verschiedensten Stahlprodukte unter die Lupe genommen. Ziel ist, in einer ONR ein Referenzdokument zu schaffen, auf das sich alle Auftragspartner und auch die für die Sicherheit von Bauwerken oder Bauteilen zuständigen Behörden beziehen können.
Dipl.-Ing. Karl Stumwöhrer, zuständiger Komitee-Manager: „Die Wahl der Ausführungsklasse richtet sich nach der Beanspruchungskategorie (z. B. ruhende oder schwingende Belastung) und der Fertigungskategorie (z. B. welche Stahlsorte) sowie nach den möglichen Versagensfolgen in Hinblick auf Leben und Unversehrtheit von Personen und auf wirtschaftliche Verluste. Wenn ein Gebäude zusammenfällt, macht es einen Unterschied, ob es ein Gartenzaun, eine Lagerhalle, ein Kindergarten oder eine Sporttribüne mit Hunderten Gästen ist. Daher wird ein Leitfaden ONR 21090 erarbeitet, in dem diese Zusammenhänge klar geregelt sind.“
Harald Schinnerl, Bundes- und Landesinnungsmeister der Metalltechniker, dazu: „Ich denke, dass wir mit der ONR 21090 ein Regelwerk schaffen, das durch Beispiele den ausschreibenden Stellen ermöglicht, die geforderten Leistungen in die zuständigen Ausführungsklassen, EXC, einzuteilen. Durch diese Erläuterungen wollen wir vermeiden, dass in zu hohen EXC ausgeschrieben wird und in Folge unsere Stahlbauleistungen zu teuer werden. Des Weiteren wollen wir damit sowohl dem Ausschreiber als auch dem Ausführenden die Sicherheit geben, dass einerseits Ersterer die richtige EXC gewählt hat, andererseits der Ausführende dazu auch berechtigt ist.“
Zertifizierung
Die Übereinstimmung eines Bauteils oder eines Bausatzes mit den Anforderungen dieser Europäischen Norm und mit den festgelegten Werten (einschließlich Klassen) ist durch eine Erstprüfung und eine werkseigene Produktionskontrolle durch den Hersteller nachzuweisen. Es geht gewissermaßen um den Nachweis eines Qualitätsmanagementsystems für den Herstellungsprozess im Betrieb.
Austrian Standards plus Certification AS+C ist eine von drei (Stand: 20.1.2012) notifizierten Zertifizierungsstellen in Österreich, die Zertifikate über die werkseigene Produktionskontrolle gemäß EN 1090 Teil 1 ausstellen können.
Dr. Peter Jonas, Leiter von AS+C, beruhigt besorgte Unternehmen: „Es kann keine Rede davon sein, dass Tätigkeiten, die ein Betrieb bislang ausgeführt hat, nicht mehr erlaubt sein sollen. Im Einzelfall wäre zu prüfen, ob bestehende Qualifikationen gemäß der EN 1090 ausreichend oder gegebenenfalls anzupassen sind.“
Jonas lädt daher alle betroffenen Betriebe ein, sich mit AS+C in Verbindung zu setzen, um rechtzeitig vor Ende der Übergangsfrist am 1. Juli 2012 individuelle Lösungen zu finden. Zur Vorbereitung auf die Zertifizierung kann AS+C sowohl umfangreiche Informationsunterlagen (z.B. Selbstevaluierungs-Checkliste) zur Verfügung stellen als auch persönlich beraten.
Innungsmeister Schinnerl: „Das Thema der Qualifizierungen für Schweißarbeiten ist nicht neu. Es wurde bloß im Regelfall nicht gelebt. Durch die CE-Kennzeichnung unserer geschweißten Produkte ab dem 1. Juli 2012 führt jedoch kein Weg mehr daran vorbei. Unsere Betriebe sind weitgehend in der Schweißtechnik versiert. Der Nachweis von Zertifizierungen sowie die werksbegleitende Produktionskontrolle sind neu, werden jedoch nach einiger Zeit für unsere Betriebe – außer zusätzlichem Aufwand – keine großen Probleme mehr darstellen.“
Info
Die gesetzliche Verpflichtung
Die Norm EN 1090-1:2009 ist im Amtsblatt C344/1 vom 17.12.2010 als harmonisierte Norm nach der Bauproduktenrichtlinie 89/106/EWG ausgewiesen. Demnach ergibt sich für Bauprodukte dieser Norm nach einer Übergangsfrist, die am 1.1.2011 begonnen hat, ab 1.7.2012 eine verpflichtende CE-Kennzeichnung. Für diese Kennzeichnung ist der Hersteller selbst verantwortlich. Er muss allerdings vorher eine sogenannte „werkseigene Produktionskontrolle“ einrichten, die von einer befugten bzw. „notifizierten Stelle“ zertifiziert ist." Diese Stellen (Notifed Bodies) sind in der europäischen Datenbank „Nando“ gelistet.
Was genau sind Bauprodukte?
Unter Bauprodukten versteht man alle Produkte, die dauerhaft in Bauwerke des Hoch- und Tiefbaus eingebaut werden. In Entscheidungen der EU-Kommission zur Bescheinigung der Konformität, die in den Amtsblättern der EU veröffentlicht werden, werden diese Bauprodukte angeführt. Diese Entscheidungen legen auch fest, inwieweit der Hersteller oder sein Bevollmächtigter für Prüfung, Überwachung und Zertifizierung unabhängige Dritte (notifizierte Stellen) einzuschalten hat.
Bibliographie
ONR 21090 Leitfaden für die Wahl von Ausführungsklassen von Bauwerken, Tragwerken und Bauteilen bei Stahl- und Aluminiumtragwerken
ÖNORM EN 1090 Ausführung von Stahltragwerken und Aluminiumtragwerken
Teil 1: Konformitätsnachweisverfahren für tragende Bauteile
Teil 2: Technische Anforderungen an Tragwerke aus Stahl
Teil 3: Technische Regeln für die Ausführung von Aluminiumtragwerken
