Stabilität, wenn die Erde bebt

Archivmeldung des Austrian Standards Institute
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Am 6. April 2009 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,3 die italienische Abbruzzen-Region – mit verheerenden Folgen: Rund 250 Menschenleben waren zu beklagen, ein Großteil der Bauwerke ist eingestürzt oder unbenutzbar.
Die Naturkatastrophe in Italien hat auch die Frage nach der Erdbebensicherheit in Österreich in den Mittelpunkt des Interesses gerückt und damit die Europäischen Normen des Eurocode 8.

Wien (AS prm, 2009-05-20)

Insgesamt 49 Erdbeben brachten Österreich im Jahr 2007 in Schwingung. „Das Jahr entsprach dem langjährigen Durchschnitt“, vermeldet die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik auf der Hohen Warte in Wien in ihrem jüngsten Erdbebenjahresbericht. Diese Naturereignisse sind für die Errichtung von Gebäuden und Straßen in Europäischen und nationalen Normen abgedeckt.

Grafik: Erdbebenregistrierung
Credit: ASI prm

Europäische Basis
Eurocode 8 (ÖNORM EN 1998) ist die „Bibel der Erdbebenberechnungen“. In den dazu gehörenden „Nationalen Anhängen“ (ÖNORMEN B 1998) arbeiteten die Experten die österreichischen Besonderheiten ein. Planer, Architekten und Zivilingenieure beziehen sich ab Juni 2009 ausschließlich auf dieses Werk und sollten es kennen wie ihre Westentasche. Mit der Kenntnis dieser Grundstandards ist es jedoch nicht getan.
 
Wissen weitergeben
„Die Normen decken den Neubau gut ab, die Frage der Sicherheit stellt sich jedoch auch bei bestehenden Gebäuden“, sagt Univ.Prof. Dipl.-Ing. Dr. Rainer Flesch. Der Experte für Baudynamik und zugleich Forscher im Bereich Verkehrswege am Wiener Arsenal Research Center hat im Jänner 2009 den neuen praxisorientierten Lehrgang für Baudynamik und Erdbebeningenieurwesen bei Austrian Standards plus Trainings gestartet.

Neubau vs. Bestand
Alte Häuser wurden nach den Normen ihrer Zeit und nach bestem Wissen und Gewissen gebaut. Seien es Gründerzeithäuser, Krankenhäuser oder Spitäler – sie halten Stand, stehen schon lange, und keiner weiß, wie schwingungsfest ihre Statik tatsächlich angelegt ist. „Ein Umbau, eine Sanierung oder Erweiterung ist ein guter Anlass, die Sicherheit grundlegend zu überprüfen und mit relativ geringen Mehrkosten auf den heutigen Stand zu bringen“, ist Prof. Flesch überzeugt.

Offenes Forschungsfeld
Als Forscher ist Flesch mit einem mobilen Schwingungsgenerator unterwegs. Dessen Name: Viktoria. Mit dem 3,6 Tonnen schweren Testgerät können Häuser, Brücken, Straßen in ihrem Schwingungsverhalten überprüft werden. Die Daten, in einem Computer modelliert, zeigen den Experten bestehende Schwächen. Flesch plädiert dafür, für die Allgemeinheit wesentliche Bauwerke möglichst bald zu überprüfen und – wenn notwendig – nachzurüsten.
Damit meint der Experte: Straßen, Brücken, Krankenhäuser und Schulen. Für die Erfassung von Gründerzeithäusern, die beliebte Dachausbauobjekte bieten, bemüht er sich gerade um ein „Komet“-Forschungsprojekt.

Schwingungen überall
Erdbeben sind nur die medienwirksamsten Schwingungen, denen Bauwerke ausgesetzt sind. Ratternde Züge, schwerer Straßenverkehr oder sogar Fußgänger setzen angrenzende Gebäude genauso in Schwingungen. Überlagerungen können für Menschen und Gebäude unangenehme Folgen haben: Lärm und Schwächung der Struktur.

Zukünftiges
Baudynamik ist keine ganz junge Wissenschaft. Die Lehre von den Schwingungen hat mit der Verbreitung der Computertechnologie große Fortschritte gemacht. Messergebnisse werden modelliert und simulieren Schwächen an Bauwerken. Die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen fließen wiederum in Standards und Normen ein. Und es fehlt noch immer etwas: Für bestehende Gebäude diskutieren erstmals alle Beteiligten – Baudynamiker, Immobilienbesitzer und Architekten –, wie Richtlinien für eine Nachrüstung wirtschaftlich und effektiv aussehen könnten.
P.K.


Bibliographie

Eurocode 8, Band 1 Praxisbeispiel Hochbau aus Stahlbeton
Eurocode 8, Band 2
Praxisbeispiel Stahlbau-Halle
Eurocode 8, Band 3
Praxisbeispiel Hochbau aus Mauerwerk
Eurocode 8, Band 4
Praxisbeispiel Brücke aus Stahlbeton

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