„Unser Mann in Übersee“

Universitätsprofessor in den USA nimmt virtuell an österreichischer Normung teil.

An der Colorado State University, gelegen im zentralen Teil der Vereinigten Staaten von Amerika inmitten großartiger Nationalparks, denkt man innovativ und international.

Es werden ausländische Experten für Forschung und Lehre angeworben, die sich – offiziell und ausdrücklich erwünscht – im Rahmen ihrer Tätigkeit für „Standardisation“ engagieren sollen; wenn diese Aktivitäten in ihrem Heimatland stattfinden, ist es auch kein Problem. Im Gegenteil.

Ab Herbst 2010 wird ein Österreicher von den USA aus als korrespondierendes Mitglied in einem Komitee von Austrian Standards Institute mitarbeiten.

Wie das in der Praxis funktionieren kann, haben wir aus erster Hand von Dr. Alexander Brandl erfahren. Er war bis vor kurzem im Komitee 088 „Strahlenschutz“ tätig und wird ab Herbst 2010 an der Colorado State University unterrichten.

Vor seiner Abreise hat er mit CONNEX darüber gesprochen, was bisher geschah und wie er die nähere Zukunft geplant hat. Über seine Erfahrungen und Erkenntnisse berichten wir dann nach seinem ersten „Auslandssemester“.

CONNEX: Herr Dr. Brandl, Sie haben ja bereits mehrere Jahre in den USA gelebt, an der University of New Mexico Physik und Mathematik studiert und 1996 mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen. Wie ging es weiter?

Dr. Brandl: Mein Fachgebiet ist der Strahlenschutz, ich machte diverse Aus- und Weiterbildungen zum Thema, etwa spezielle Computer-Simulationsprogramme zur mathemathischen Modellierung von Strahlenfeldern bzw. radioaktiver Stoffe oder Qualitätssicherung in der Akkreditierung. Vor neun Jahren begann ich bei der ARC Seibersdorf research als wissenschaftlicher Mitarbeiter und kam relativ bald zur Normung. Da ging es vor allem um die Überwachung von Personen hinsichtlich inkorpierter radioaktiver Stoffe. 2004 wurde ich Strahlenschutzbeauftragter der Nuclear Engineering Seibersdorf und Qualitätsmanager.

Dr. Alexander Brandl
Dr. Alexander Brandl

CONNEX: Welchen Stellenwert hat der Strahlenschutz in Österreich? Zwentendorf war ja das einzige österreichische Atomkraftwerk, das allerdings nie in Betrieb ging.

Dr. Brandl: Es gab seit 1960 den Forschungsreaktor Seibersdorf. Der wurde zwar 1999 abgeschaltet, aber radioaktiver Abfall ist noch jede Menge da. Die Nuclear Engineering wurde speziell und als einzige Institution in Österreich zur Aufarbeitung nuklearer und radioaktiver Stoffe gegründet und kümmert sich um das Abbauen, Sammeln, Konditionieren und Lagern der kontaminierten Stoffe. Auch aus Krankenhäusern, Industrie und Forschung fallen jährlich knapp 20 Tonnen radioaktiver Abfall an. Dieser wird in Seibersdorf aufgearbeitet – beispielsweise verbrannt, gepresst oder in Beton eingegossen. Es werden auch Sicherheitsanalysen erstellt, z. B. wie Lagerorte am besten angelegt werden bzw. welche Umwelteinflüsse Schäden nach sich ziehen könnten.

CONNEX: Wieso hat eine amerikanische Universität Interesse an österreichischem Know-How?

Dr. Brandl: Wie Nuclear Engineering Seibersdorf hat auch der Österreichische Verband für Strahlenschutz, dessen Sekretär ich seit 2005 bin, international einen sehr guten Ruf. Die Colorado State University hat einen thematischen Schwerpunkt Physik und Strahlenschutz. Sie entwickelte sich nämlich aus dem College for Agriculture and Mining. In der Gegend gibt es Uranminen, die in den 1970er Jahren aufgelassen wurden, weil sie sich nicht rechneten. Uran ist sehr schwer und hat eine hohe Dichte. Außer für militärische Zwecke kommt es z. B. als Abschirmmaterial in der Industrie oder Medizin oder als Kontrastmittel für Elektronenmikroskope zur Anwendung.

CONNEX: In welchen Gremien waren Sie tätig bzw. werden Sie via Webkonferenz und „My Committee“, dem Onlinetool für Normungsarbeit, weiterhin tätig sein?

Dr. Brandl: Ich bin im Komitee 088 „Strahlenschutz“ in der Arbeitsgruppe 17 „Inkorporationsüberwachung“ tätig. Da geht es um Berechnungsmethoden, wie sich radioaktive Stoffe beim Einatmen, Schlucken oder Spritzen im Körper verteilen. Wichtige Normen, die wir 2007 und 2008 erarbeitet haben, sind die dreiteilige ÖNORM S 5220 „Überwachung von Personen hinsichtlich inkorporierter radioaktiver Stoffe“ und die zweiteilige ÖNORM S 5223 „Abschätzung der effektiven Dosis bei Arbeiten mit natürlichen radioaktiven Stoffen“.

Gleichzeitig durfte ich auch an einer ISO Working Group für interne Dosimetrie mitwirken. Diese Arbeitsgruppe hat den den vergangenen Jahren drei Normenvorhaben umgesetzt. Für die Hauptnorm dieser Serie, ISO 27048, ist der Entwurf eben in der Abstimmungsphase, die anderen beiden Normen werden in Kürze folgen.

Das Gespräch mit Dr. Brandl führte Regina Slameczka, MAS


Bibliographie

ÖNORM S 5220 Überwachung von Personen hinsichtlich inkorporierter radioaktiver Stoffe
Teil 1: Allgemeines, Notwendigkeit und Häufigkeit
Teil 2: Anforderungen an Inkorporationsmessstellen
Teil 3: Berechnungsgrundlagen
ÖNORM S 5223 Abschätzung der effektiven Dosis bei Arbeiten mit natürlichen radioaktiven Stoffen
Teil 1: Verfahren 
Teil 2: Dosisbestimmung