„Es geht um die beste Lösung“
Dreht sich in Österreich die Diskussion um die Sicherheit von Aufzügen, dann stößt man bald auf einen Namen: Ing. Anton Marschall. Der 52jährige Niederösterreicher hat das Thema in den letzten Jahren maßgeblich mitbestimmt – als Leiter des Bereichs Aufzüge beim TÜV Österreich und als Vorsitzender des zuständigen Normungskomitees bei Austrian Standards Institute.
Warum fühlen Sie sich in Aufzügen so sicher, Herr Ing. Marschall?
Marschall: Ganz einfach deshalb, weil Aufzüge eines der am besten geregelten und geprüften Produkte sind. Alle technischen Belange und Anforderungen sind so „durchnormiert“, dass Sicherheit und Zuverlässigkeit gewährleistet sind.
Das hat schon sehr früh begonnen, und sehr früh hat hier auch die „Arbeitsteilung“ zwischen gesetzlichen Bestimmungen und technischen Regelwerken – Stichwort EU-Aufzugsrichtlinie – begonnen und sich im Lauf der Jahre bestens bewährt.
War Normung für Sie immer ein Thema?
Marschall: Ich beschäftige mich seit 1976 mit Aufzügen, und da war die Normung immer bestimmend in meinem Arbeitsleben. Jedes Teil greift auf Normen zurück, die hier ja alle de facto Muss-Bestimmungen sind. Die direkte Mitwirkung an der Entwicklung der Normen war natürlich naheliegend. 2001 wurde ich dann erstmals zum Vorsitzenden des Aufzug-Komitees 017 gewählt. Normung war somit immer ein ganz zentrales Thema – besonders die Mitarbeit auf europäischer Ebene.
Was braucht man, um in der Normung erfolgreich zu sein?
Marschall: Normung ist Management. Durch Normen lässt sich Nachhaltigkeit erzeugen, deshalb standardisiert man etwas. Was man dazu braucht? Qualifikation – man muss fachlich etwas von der Sache verstehen – und man braucht klare Ziele: was wollen wir bis wann erreichen? Die Grundlage dafür ist Kommunikation. Das zeichnet einen guten Normenmanager aus: dass er allen Beteiligten verständlich macht, worum es geht, dass sie sich einbringen wollen und begeistert sind.
Sie bezeichnen Normung als Management. Was ist Ihre Management-Philosophie als neuer Geschäftsführer von Schindler Österreich? Was verspricht Erfolg?
Marschall: Dazu wurden schon viele Bücher mit unterschiedlichen Sichtweisen herausgegeben und werden wohl noch geschrieben werden. Von autoritärer Führung, demokratischer Führung oder doch Laissez-faire-Führung bis zum „Minuten-Manager“ reicht die Palette. Aus meiner Sicht ist Nachhaltigkeit eine wesentliche Grundlage für den Erfolg eines Unternehmens.
Die Schlüsselqualifikationen, die es dazu braucht, sind: die fachliche Qualifikation, das Wissen um die Sache; konzeptionelle Qualifikation, das heißt: Ziele setzen; die methodische Qualifikation, also die Ziele realisieren, und natürlich kommunikative Qualifikation im Umgang mit Menschen. Schließlich braucht es soziale Verantwortung, also Moral und Ethik, und ganz besonders Authentizität.
Wie haben Sie Normung bisher erlebt?
Marschall: Ein Normungsgremium ist aus meiner Erfahrung ein Forum gleichberechtigter Partner ohne Hierarchien, in dem es fast basisdemokratisch zugeht. Da kommen Menschen mit unterschiedlichen Interessen zusammen, die etwas auf die Beine stellen wollen, das nachhaltig Erfolg hat. Da geht es nicht um Kompromisse, sondern um die beste Lösung.
Besonders interessant sind dabei natürlich die internationalen bzw. europäischen Begegnungen, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und Anliegen, die von gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung getragen sind mit dem Ziel, ein „Produkt“ zu schaffen, das die Grundlage für ganz Europa ist. Man ist auf dem internationalen Parkett der Normung in ein großes Netzwerk eingebunden. Man kennt alle Partner in Europa, und man wird gekannt und geschätzt.
Stichwort Netzwerke: Sie waren in den vergangenen Jahren auch als Experte in zahlreiche von der EU geförderte und finanzierte Projekte eingebunden, die Austrian Standards Institute Consulting organisiert und durchgeführt hat. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Marschall: Der Wert dieser EU-Projekte kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie sind ein wichtiger Beitrag zum Wissenstransfer in jenen Ländern, die sich dem europäischen Wirtschaftsraum annähern oder ihm beitreten wollen. Als Vortragender lernt man selber sehr viel in derartigen Projekten. Man erweitert sein eigenes Wissen und beschäftigt sich sehr intensiv mit dem, was man eigentlich tut, um es anderen weiterzugeben, sie daran teilhaben zu lassen. Im Rahmen dieser Projekte entstehen Kontakte und Verbindungen, die man dann für das Unternehmen, bei dem man beschäftigt ist, nutzen kann und natürlich auch nutzt. Das ist ja keine Einbahnstraße. Das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.
Austrian Standards Institute hat hier sehr viel Know-how aufgebaut, das man auch in Zukunft hoffentlich ausgiebig nutzt.
Vom TÜV Österreich an die Spitze eines der größten Aufzüge- und Fahrtreppenherstellers. Hat die Normung bei diesem Karrieresprung geholfen?
Marschall: Aufzüge und damit die Normung haben mein bisheriges Arbeitsleben ganz wesentlich geprägt. Die Erfahrungen, die ich dabei gewonnen habe, die Netzwerke, in die ich eingebunden bin, sind Teil meiner Biographie und waren dabei natürlich sehr hilfreich.
Welchen Stellenwert hat Normung bei Schindler? Ist sie „Chefsache“?
Marschall: Normung, die Mitarbeit an der Entwicklung von Normen ist bei uns ein wichtiger Teil des Managements. Dort werden die Grundlagen für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens gelegt. Der Nutzen, der daraus entsteht, wird den handelnden Personen klar kommuniziert. Wir schauen darauf, dass unsere Interessen und die unserer Kunden vertreten sind, damit wir gute Qualität zu einem günstigen Preis anbieten können.
Wie sehen Sie die wirtschaftspolitische Bedeutung von Normen?
Marschall: Der „New Approach“ in der europäischen Rechtsetzung fordert Normen. Sie beschreiben, wie die Anforderungen der EU-Richtlinien konkretisiert werden können, wie die Dinge, die die Politik festlegt, umgesetzt werden können. Die Normung hat die europäische Idee erst zum Leben erweckt.
Nehmen Sie als Beispiel die Europäischen Normen der Serie EN 81 „Sicherheitsregeln für Konstruktion und Einbau von Aufzügen“. Das ist in diesem Bereich die weltweit am stärksten verbreitete Norm. Sie wird weltumspannend eingesetzt, auch in China und Russland. Das ist eindeutig ein Wettbewerbsvorteil. Das gleiche gilt für die EN 115 für Fahrtreppen und Fahrsteige.
Sie sind nicht nur Vorsitzender des für Aufzüge zuständigen Komitees und Delegierter in den europäischen und internationalen Fachgremien, sondern auch Mitglied des Vorstands von Austrian Standards Institute. Wie würden Sie Austrian Standards in etwa fünf Jahren sehen?
Marschall: Ich möchte es plastisch mit einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 2015 über einen privaten Haushalt beschreiben: Die Vernetzung von Haushaltgeräten, Gebäudetechnik und Kommunikationstechnik ist so weit fortgeschritten, dass alltägliche Abläufe selbständig erledigt werden – vom Staubsaugen bis zum täglichen Einkauf. Und der Leser erfährt: Standardisierung macht es möglich. Austrian Standards Institute ist zentraler Ansprechpartner beim Zusammenführen von Prozessen und technischen Schnittstellen. Der Leitspruch „Setting Standards. Creating Values.“ hat sich voll bewährt.
Sie haben sich 2009 beruflich verändert. Was heißt Veränderung für Sie?
Marschall: Ständige Weiterentwicklung ist der Grundstein für Erfolg. Der Grundsatz dabei lautet: Nichts ist so gut, dass man es nicht noch verbessern kann.

