„Normung – Herausforderung und Chance“

„Was Führungskräfte und Mitarbeiter wissen sollten“: Unter diesem Titel erscheint im Oktober 2010 eine neue QuickInfo von Austrian Standards plus Publishing.

Autor ist Guido Gürtler, der für dieses Handbuch die Erfahrungen seiner jahrzehntelangen Tätigkeit in der Normung zusammengefasst hat. CONNEX erreichte ihn in Spanien für ein Telefoninterview.

CONNEX: Herr Gürtler, beim Durchlesen Ihres Buchs fällt auf, dass Sie nicht nur übersichtlich den Prozess beschreiben, sondern auch in Kapiteln wie „Wissenswertes für den Chef“ und „Das Multitalent, der Komitee-Mitarbeiter" sehr ausführlich auf den psychologischen Hintergrund der verschiedenen Rollen eingehen, die sich aus der Teilnahme an der Normung ergeben.

Guido Gürtler: Das stimmt. Das war mir auch besonders wichtig, denn in der Normung „menschelt“ es nun mal, so wie überall anders in der Arbeitswelt auch. Meiner Meinung nach umfasst Normung technische, wirtschaftliche und juristische Aspekte zu gleichen Teilen. Bislang stand die Technik sehr im Vordergrund, und mein großes Anliegen ist, den beiden anderen vernachlässigten Aspekten die Bedeutung zukommen zu lassen, die ihnen zusteht.

CONNEX: Wie sind Sie zu dieser Auffassung gelangt?

Guido Gürtler: Bei meiner Tätigkeit bei Siemens war ja „Standardisierung und Regulierung“ eine Unternehmensleitfunktion, nicht nur einfach eine rein beratende Stabsstelle. Dort konnte ich mich – von der Geschäftsleitung unterstützt – frei entfalten. Aber ich habe im Laufe der Jahre viele Experten kennengelernt, die bei mir Hilfe gesucht haben, weil sie von ihren Firmen keine so gute Rückendeckung erfuhren. Da gibt es unterschiedliche Gründe, wie knappe Budgets, ungeduldige Chefs, denen das Warten auf Ergebnisse zu lange dauert, Neid von Kollegen auf die „Weltreisenden“ und einiges mehr.

CONNEX: Können Sie ein Beispiel nennen?

Guido Gürtler: Da war etwa jener Fall, wo ein Experte jahrelang in einem internationalen Komitee mitgearbeitet hatte, und dann wurde ihm ausgerechnet die Teilnahme an der entscheidenden Abstimmungssitzung verweigert, weil sie in Rio de Janeiro stattfand. Mit solchen undurchdachten Aktionen kann ein Betrieb viel Geld in den Sand setzen. Die ganze bisherige Arbeit ist umsonst, wenn man nicht bis zum Schluss durchhält.

Darauf möchte ich aufmerksam machen: Wer sich auf Normungsarbeit einlässt, kann viel gewinnen, aber er muss sich auch damit auseinandersetzen, dass sich die Dinge anders entwickeln können als geplant. Es braucht eben Zeit, bis Menschen einander soweit kennengelernt haben, dass eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre entsteht, bei internationalen Komitees umso mehr, weil Englisch als Verhandlungssprache für viele eben nicht die Muttersprache ist. Dafür sollten Zeit, Gestaltungsraum und Geld vorhanden sein.

CONNEX: Wie kommt es, dass die strategische Bedeutung von Normung in manchen Firmen nicht ausreichend erkannt und genutzt wird?

Guido Gürtler: Für manche Chefs ist die Beschäftigung mit Normen sozusagen ein „notwendiges Übel“, das zudem noch in ihren Verantwortungsbereich fällt. Dabei kann ich nicht oft genug betonen, dass der Normungsexperte im günstigsten Fall ein Multitalent ist. Nicht nur exzellente Fachkenntnisse sind Voraussetzung, sondern auch Verhandlungsgeschick, Sprachgewandtheit, Reisebereitschaft, Einfühlungsvermögen, ständige Weiterbildung und mehr. Das sollte auch entsprechend honoriert werden.

CONNEX: Sind Ihnen in Ihrer Laufbahn Menschen begegnet, denen der Wert der Normung überhaupt nicht vermittelt werden konnte?

Guido Gürtler: Das eigentlich nicht. Wenn ich mit konkreten Zahlen gekommen bin, hat mir noch jeder zugehört. Aber es muss jemand da sein, der sich darum kümmert. Das war mein Job, den ich viele Jahre nicht müde wurde zu tun. Da sehe ich mich durchaus als Aufklärer, wenn nicht sogar als Missionar. Ich konnte mir aber auch keine spannendere Arbeit vorstellen. Mit Hilfe der Normung wird ja letztlich um Märkte gekämpft.

CONNEX: Gibt es eine historische Entwicklung in der Einstellung von Firmen zur Teilnahme an der Normung?

Guido Gürtler: Leute, die in der Wirtschaft Verantwortung tragen, haben zum Teil in ihrer Ausbildung nichts von Normung gehört, besonders wenn sie nur eine kaufmännische Ausbildung erfuhren. Früher gab es mehr Chefs mit technischem Hintergrund, die wussten, was Sache ist. Die konnten die Für und Wider einer Entscheidung bezüglich Norminhalten selber abschätzen. Seit rund 30 Jahren hat sich die amerikanische Philosophie der „business administration“ auch bei uns etabliert. Viele Manager kennen sich zwar mit rein wirtschaftlichen Kennzahlen gut aus, haben jedoch Schwierigkeiten, die wirtschaftliche Dimension technischer Festlegungen zu erkennen.

CONNEX: Ihr Buch ist besonders für Leser gedacht, die sich darüber informieren wollen, wie Normung „hinter den Kulissen“ funktioniert.

Guido Gürtler: Wie gesagt, Normung als rein technische Angelegenheit zu begreifen, ist viel zu kurz gedacht. Es geht in erster Linie um Wirtschaft, um Menschen und ums Geschäft.

CONNEX: Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Guido Gürtler sprach Regina Slameczka


Bibliographie

Guido Gürtler
Normung - Herausforderung und Chance - Was Führungskräfte und Mitarbeiter wissen sollten
Inkl. 11 Praxisbeispielen und 39 Praxis-Tipps.
ON-V 54 - erhältlich ab Oktober 2010
ISBN 978-3-85402-224-4
Preis: 18 €

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