"Wir sind nicht einfach nur da."

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"Wir wollen kooperieren und mitgestalten." Gudrun Rögnvaldardottir, Direktorin des Isländischen Normungsinstituts IST, Vorstandsmitglied des Österreichischen Normungsinstituts und Vizepräsidentin des Europäischen Komitees für Elektrotechnische Normung CENELEC, im Interview mit der Zeitschrift CONNEX.

CONNEX: Island ist ein relativ kleines Land und nicht EU-Mitglied. Wie funktioniert bei Ihnen die Normungsarbeit?

Rögnvaldardottir: Island ist erst seit den 1970er Jahren in der Normung tätig und hat daher keine so lange Tradition wie andere europäische Länder, die mitunter auf bald 100 Jahre Erfahrung zurückblicken. Industrie hatten wir ja fast keine. Der Hauptgrund für das Engagement waren die zahlreichen Erdbeben auf der Insel. Immer wieder wurden Häuser beschädigt, und so begannen wir nach Lösungen zu suchen und stellten fest, dass wir für den Hausbau Normen benötigen.

1986 wurden in Luxemburg die Einheitlichen Europäischen Akte unterzeichnet, die die Basis zur Verwirklichung des Europäischen Binnenmarkts wurden. Die isländische Regierung wollte dabei sein, weil sie verstanden hatte, dass es ohne gemeinsame Regeln nicht funktionieren würde. So wurde zuerst ein Komitee des Technischen Instituts etabliert, das dann 1993 rechtliche Selbstständigkeit als Normungsinstitut erlangte. Im IST sind derzeit neun Personen beschäftigt.

CONNEX: Provokant gefragt: Ist ein eigenes Normungsinstitut überhaupt notwendig?

Rögnvaldardottir: Selbstverständlich. Auch wenn wir viele Normen übernehmen - mehr als 99 Prozent unserer Normen sind europäisch -, gibt es doch nationale Besonderheiten, für die wir spezielle nationale Regelungen brauchen. Beispielsweise im Bausektor, etwa bei den EUROCODES, haben wir durch die geologische und geografische Situation extreme Bedingungen bei Schnee, Wind, Erdbeben. Da wir Teil des Binnenmarkts sind, hätten wir ohne Teilnahme ein Problem, weil sonst manche Produkte nicht brauchbar, manche Planungsverfahren nicht ausreichend sicher wären.

CONNEX: Für ein, an der Bevölkerungszahl gemessen, kleines Land ist die Mitwirkung in allen Normungsbereichen doch eher schwierig. Wie filtern Sie aus den zahlreichen europäischen Projekten heraus, was für Island relevant ist?

Rögnvaldardottir: Unsere Experten sind beauftragt, die europäischen und internationalen Aktivitäten dahingehend zu scannen, was isländische Firmen, Behörden und Konsumenten betreffen könnte. Vor allem die Bereiche Bau, Informationstechnologie, Elektrotechnik und seit neuestem Fischerei und Aquakultur sind für uns besonders interessant.

Da die "Stakeholder-Szene" eher klein ist, kennen wir die meisten Ansprechpartner persönlich. Als vor zwei Jahren von Norwegen ein Normungsvorschlag zur Fischerei eingebracht wurde - was einen wichtigen isländischen Wirtschaftszweig betrifft -, haben wir Interessensvertreter zu einer Informationsveranstaltung eingeladen und sie über die Für und Wider einer Teilnahme im internationalen Normungsgremium aufgeklärt.

In der Fischerei ist der "nachhaltige Fischfang" ein Trendthema. Immer mehr Konsumenten und auch Händler achten darauf, ob eine Fischart gefährdet ist, ob umweltschonend gefischt und transportiert wurde. Mit international anerkannten Normen könnte hier viel erreicht werden. Verbindliche Richtlinien für verantwortungsvollen Fischfang und Zertifizierungen bieten eine Orientierung und setzen Innovationen und Entwicklungen zum Wohle aller in Gang. Da wissen wir, dass wir dabei sein müssen.

CONNEX: Von der gemeinsamen Europäischen zur nationalen Normung: Gibt es Bedarf an rein isländische Normen?

Rögnvaldardottir: Ja, den gibt es. Da Island ein eigenes Alphabet hat, ist es wichtig, am IT-Sektor den Anschluss nicht zu verlieren. Darum haben wir zum Beispiel eine eigene Norm für die Computertastatur.

Eine Spezialität ist auch, dass unsere Telefonbücher nach Vornamen geordnet sind. Unsere Familiennamen beziehen sich darauf, dass jemand Tochter oder Sohn von X oder Y ist. So heißt mein Name Rögnvaldardottir etwa Tochter des Rögnvaldar. Auch diese "Spezialität" ist genormt.

Ein anderes Thema ist die Nutzung unserer Geysire, die Kopfzerbrechen macht. Das geothermale Wasser, das wir für die Heizung und zum Baden verwenden, ist sehr mineralhältig und lässt Rohre in kurzer Zeit korrodieren. Zum Kochen ist es nicht empfehlenswert, da es nicht gut schmeckt. Nun kommt eine europäische Regelung, nach der Nutzwasser in Bad und Küche nicht heißer als 50 Grad aus der Leitung kommen darf. Das ist schon sinnvoll, da es durch brühend heißes Wasser bereits schreckliche Unfälle gegeben hat. Allerdings haben wir nun Probleme, wie wir das geothermale Wasser kühlen und aufbereiten sollen. Das kann durchaus ein Thema für die nationale Normung sein.

Ende November 2008 gab es eine Kick-off-Sitzung zu einem neuen nationalen Normungsvorhaben, das der Gleichstellung von Männern und Frauen dienen soll. Es geht um die Normung der Verfahren oder Systeme, die eine Organisation verwendet, um den Lohn der Arbeitnehmer/innen und Beamt/inn/en zu bestimmen, damit es nicht nach dem Geschlecht bestimmt wird, sondern nur nach geschlechtsunabhängigen Faktoren. Die Norm wird auf das Modell von ISO 9000 angepasst, und es sollen auch andere Themen wie z.B. Möglichkeiten auf Promotion behandelt werden.

CONNEX: Eine Frage, die sich für alle nationalen Normungsinstitute stellt, ist die Finanzierung des Systems. Wie macht man das in Island? Wer trägt wie dazu bei?

Rögnvaldardottir: Die Finanzierung der Normungsarbeit und der notwendigen Infrastruktur ist für uns natürlich ganz wichtig. Knapp die Hälfte unseres Budgets kommt aus Steuergeldern, rund 20 Prozent aus dem Verkauf von Produkten und Dienstleistungen, wie Seminare, Trainings. Das ist uns ein besonderes Anliegen, und wir sind sehr stolz, dass wir den Verkauf 2006 um mehr als ein Viertel steigern konnten. Der Rest entfällt auf Mitgliedsbeiträge und "Public fundings", wie beispielsweise die Mitgliedsbeitrage bei CEN/CENELEC und ISO/IEC.

CONNEX: Wie kann sich Island im internationalen Reigen behaupten?

Rögnvaldardottir: Wir haben ein Ziel, eine Vision: Wir sind nicht einfach nur da. Wir wollen kooperieren und mitgestalten. Das ist auch der Grund, warum ich mich als Kandidatin für die CENELEC-Vizepräsidentschaft beworben habe.

CONNEX: Normung ist ja keineswegs Selbstzweck oder ein Anliegen der Normungsorganisationen selbst. Wie steht es in Island um das öffentliche Bewusstsein rund die Bedeutung von Normen und die Möglichkeiten, die sie zur Gestaltung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen bietet?

Rögnvaldardottir: Die Situation ist wahrscheinlich nicht viel anders als in den übrigen europäischen Staaten. Man muss, auch in Island, alles daran setzen, das Wissen und  Bewusstsein für Normen zu erhöhen und damit auch Mitarbeit und Engagement in der Normung selbst -bei der Wirtschaft genauso wie bei Behörden. Wir hoffen sehr, dass uns unser neues Normengesetz, das wir seit 2003 haben, und die neue Struktur, die wir 2005 eingeführt haben, dabei helfen werden. Die ersten Signale sind jedenfalls sehr positiv.

CONNEX: Normung ist ja ein mitunter sehr komplexes Thema. Wie erklären Sie das anderen? Haben Ihre Kinder beispielsweise verstanden, worin Ihre Arbeit besteht?

Rögnvaldardottir: Als ich einmal an einem 14. Oktober meinen Töchtern sagte, heute wäre der Weltnormentag, meinten sie: Ja. Und? Darauf erklärte ich ihnen: Der Gameboy, den ich euch aus Belgien mitgebracht habe, funktioniert auch mit Batterien, die in Island gekauft wurden. Wenn man Dinge nimmt, die aus dem täglichen Leben nicht wegzudenken sind, verstehen sie rasch, worum es geht. Man muss es nur anschaulich erklären.

CONNEX: Frau Rögnvaldardottir, wie sind Sie eigentlich zur Normung gekommen?

Rögnvaldardottir: Der Weg in die Normung war ganz einfach: Ich habe ein Personalinserat in einer Zeitung gesehen. Nach meinem Studium der Ingenieurwissenschaften in Deutschland habe ich einige Jahre im Institut für Elektrotechnik an der University of Iceland gearbeitet. Ich war dort die einzige Frau und habe die Atmosphäre dort eher als feindlich empfunden.

Deshalb habe ich gekündigt und war freiberuflich als Übersetzerin und Lektorin tätig, bis ich dann las, dass das "Standards Department" des "Technological Institut of Iceland" jemanden für internationale Kooperationen sucht, der gut mit Texten umgehen könne. Ich wusste gleich: Das ist etwas für mich! So habe ich mich 1991 beworben und den Job auch bekommen.

Bald danach nahm ich erstmals an einer Sitzung des Bureau Technique des CEN teil und stellte mit Erschrecken fest, dass ich kaum etwas über Normen wusste. Eigentlich ist es schlimm, dass ich bei einem Ingenieursstudium nichts über Normen erfuhr. Aber ich lernte schnell dazu.

1995 war ich dann ein Jahr als "Technical officer" im CEN Management Center in Brüssel. Das war sehr lehrreich, da ich die Perspektive wechselte und so die "nationale Scheuklappensicht" verlor. Die Kollegen halfen mir, Überblick und Einblick in die Europäische Normung zu gewinnen.

CONNEX: Von der einfachen Mitarbeiterin des Isländischen Normungsinstituts haben Sie es in eine Spitzenposition innerhalb der Europäischen Normung gebracht. Sie sind seit 2007 Vizepräsidentin des Europäischen Komitees für Elektrotechnische Normung CENELEC. Wie erleben Sie die europäische Zusammenarbeit?

Rögnvaldardottir: Ich weiß, dass es aus historischen Gründen mehrere europäische Normungsorganisationen gibt, doch es verbindet alle sehr viel. Die Herausforderungen sind überall die gleichen, und die gute Kooperation ist ein zentraler Punkt. In manchen Sektoren wird die traditionelle Arbeit als zu langsam empfunden, werden schnellere Prozesse gefordert. Das könnte dazu führen, dass in einigen Jahren die Diversität größer ist als die Kompatibilität. Der Benefit von Normen ist unter anderem ja auch, dass die Dinge zusammenpassen und funktionieren. Hier ist es wichtig, den Blick auf das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren.

CONNEX: Wo sehen Sie die Aufgaben für die nächsten Jahre?

Rögnvaldardottir: Die Globalisierung erzeugt neue Märkte. Die europäischen Organisationen müssen enger zusammenhalten und planvoll steuern. Wenn sich Europa nicht als einig präsentiert, wird es in China und anderen Regionen nicht ernst genommen werden. Das ist vielleicht die größte Herausforderung.

<em>Mit Gudrun Rögnvaldardottir sprachen DDr. Elisabeth Stampfl-Blaha,
Vizedirektorin des Österreichischen Normungsinstituts,
und Regina Slameczka, MAS, ON PR & Media</em>