Dem "CO2-Fußabdruck" auf der Spur

February 2012

[2012-02-07] Mit der Internationalen Norm ISO 14067 sollen künftig die Quantifizierung von CO2-Emissionen und die Kommunikation darüber transparenter werden.

Turm der Fernwärme Wien Anlage
Credit: ASI prm

Das Klima wandelt sich. Spürbar und stetig. Die Reduktion der Treibhausgase hat mittlerweile weltweit politische Priorität. Eine Internationale Norm (ISO) ist in Arbeit, die dem "Carbon Footprint of Products" einen Standard geben soll.

Dr. Klaus Radunsky, Abteilungsleiter im Umweltbundesamt, österreichischer Vertreter im Weltklimarat und Friedensnobelpreisträger, erklärt im Interview mit CONNEX, wie wichtig diese Norm ist und mit welchen Hürden zu rechnen ist.

Steht es wirklich so schlimm um die Welt, dass die Emissionen von Treibhausgasen standardisiert werden müssen?

Radunsky: Man muss damit rechnen, dass die Auswirkungen des Klimawandels immer deutlicher werden. Das wird einen immer stärkeren Einfluss auf Entscheidungen haben. Das ist grundsätzlich erfreulich, weil das Problem ernst genommen wird. Wenn man hier die Möglichkeit eröffnet, mit einem Internationalen Standard auf dieses Problem zu reagieren, halte ich das für sehr sinnvoll und notwendig.

Es gibt bereits Internationale Normen, die Emissionen aus unterschiedlichen Richtungen angehen. Werden Sie sich an Vorbilder halten?

Radunsky: Wir wollen das Rad nicht neu erfinden. Aber die bestehenden Normen bieten noch zu viel Spielraum, um Treibhausgasemissionen eindeutig und vergleichbar zu machen.

Was wird die ISO Norm konkret leisten können?

Radunsky: Die ISO Norm wird Regeln festlegen, die unabhängig von der Produktkategorie gelten. Es muss dann – parallel oder etwas zeitverzögert – produktspezifische Regelungen geben. Diese Arbeiten, so stellt man sich vor, sollten das World Resources Institute (WRI) sowie der World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) machen. Sie haben bereits für die Bestimmung der Emissionen von wichtigen Schwerindustrien mit hohen Treibhausgasemissionen Protokolle zur Bestimmung der Treibhausgasemissionen entwickelt.

Wie sieht der Fahrplan aus?

Radunsky: Wir rechnen damit, dass es drei Jahre dauert, die Norm auf internationaler Ebene zu entwickeln. Ich schätze, dieser ISO Standard wird etwa 30 Seiten haben, das gesamte Regelwerk rund 800 Seiten.

Ist das ein ehrgeiziges oder ein realistisches Ziel?

Radunsky: Gegenüber früher ist es ein ehrgeiziges Ziel. Auf Grund des großen Interesses der Wirtschaft ist es auch ein realistisches Ziel. Manche asiatischen Länder, wie Südkorea und China, zeigen sehr großes Interesse, da man festgestellt hat, dass der Markt auf Klimabilanzen sensibel reagiert und die Ausweisung des Carbon Footprints ein Verkaufsargument werden wird.

Welche Auswirkungen erwarten Sie von dieser Internationalen Norm?

Radunsky: Die ISO Norm wird ein Instrument, das den Konsumenten angeboten wird. Ich glaube nicht, dass sie Gesetzescharakter haben wird. Die Dekarbonisierung unserer Wirtschaft hängt sehr stark von Entscheidungen des Einzelnen ab. Wenn sich Konsumenten für Autos mit hohem Verbrauch entscheiden, dann werden wir eine Dekarbonisierung nicht erreichen. Wenn sie sich für Fahrzeuge mit null Emissionen entscheiden, ist das überhaupt kein Problem.

Was antworten Sie skeptischen Konsumentenschützern, die sagen, die ISO Norm sei rein ein „Produkt der Industrie“?

Radunsky: Das ist einseitig. Die Norm betont natürlich die Treibhausgas-Dimension eines Produkts, ohne auf andere Dinge, wie Nukleares, Flächenverbrauch oder Verwendung von genmodifizierten Organismen, hinzuweisen. Man wird immer in dem Spannungsfeld zwischen Umwelt, Ökonomie und sozialer Dimension eine Balance finden müssen. Selbst im Umweltschutz wird man die Balance zwischen verschiedenen Belastungen finden müssen. Ein Produkt, das keine Belastungen hervorbringt, gibt es nicht.

CONNEX: Sie leiten diese Arbeitsgruppe. Wie sind Sie dazu gekommen?

Radunsky: Meine Wahl hatte eher taktische Gründe. Das Thema wurde bisher von sehr starken Industriestaaten verfolgt. Großbritannien hat wichtige Vorarbeiten geleistet, Skandinavien ist Vorreiter in Labelling und Produktauszeichnung. Diese Länder wollen auf internationaler Ebene natürlich ihre Ziele verfolgen. Andere wichtige Industriestaaten, wie die USA, Deutschland und Frankreich,  haben jedoch Befürchtungen, dass der britische Standard zum Weltstandard erhoben wird. So ist es ein guter Kompromiss, dass jemand aus einem kleinen Staat wie Österreich eine solche Gruppe leitet. Mir kommt zu Gute, dass ich seit Jahren in die internationalen Klimaverhandlungen eingebunden bin und entsprechende Verhandlungserfahrung habe, um schwierige Interessenskonflikte, die zu erwarten sind, zu bewältigen.

Welche Probleme sehen Sie auf sich zukommen?

Radunsky: Wir haben schon jetzt hart um das Inhaltsverzeichnis gerungen. Es war bei den bestehenden ISO-Standards so, dass die Kommunikation eng an die Quantifizierung gebunden ist. Das wurde für diese Norm etwas aufgehoben.

Wie stark ist der Einfluss von Interessensgruppen im internationalen Normungsprozess?

Radunsky: ISO ist bestrebt, Einstimmigkeit zu erlangen, wie es auch in den österreichischen Normungsgremien üblich ist. Das erfordert grundsätzlich, dass man sich die verschiedenen Meinungen anhört, dass man darüber nachdenkt und versucht, Lösungen zu finden, die alle befriedigen. 80 Prozent der Arbeit wird von den entsandten Experten erledigt: Sie erstellen einen Entwurf, den Working Draft. Erst dann werden Industrie und Interessensvertretungen in den nationalen Spiegelgremien damit konfrontiert. Da gibt es dann in der Regel sehr viele Einwände, die transparent zu behandeln und zu lösen sind. Ich bin zuversichtlich, dass es auch hier gelingen wird – insofern wirklich der Wille da ist, etwas zu machen. Dabei wird jeder gewisse Abstriche machen müssen.

Und wenn der Einigungsprozess nicht gelingt?

Radunsky: Das wäre schade für den Umweltschutz, weil die Norm ein wertvolles Instrument wird, um Druck zu erzeugen, damit wir unsere Wirtschaft dekarbonisieren. Mit diesem Instrument kommt der Druck von den Konsumenten und Käufern, um tatsächlich die gesamte Wertschöpfungskette zu dekarbonisieren. Die persönliche Konsum-Entscheidung kann da sehr viel erreichen.

Wir in Europa haben inzwischen eine gewisse Tradition in Klimaschutz und Umweltthemen. In den USA kommt gerade das Bewusstsein dafür auf. Wie sieht es in Asien aus?

Radunsky: Asien ist sehr aufgeschlossen. China und Indien sind durch Klimawandel sehr verletzlich. Alle sehen mittlerweile, dass die Folgen nicht mehr beherrschbar sind, wenn wir die 50-prozentige Reduktion der weltweiten Emissionen nicht erreichen.

Die Folgen beherrschen, bedeutet viel Geld zu investieren.

Radunsky: Folgende fundamentale Gleichung muss man sich vor Augen halten: Die finanziellen Folgen des Klimawandels sind die Kosten für die Emissionsminderung plus die Kosten der Anpassung plus die Kosten für die restlichen unvermeidbaren Schäden. Wenn weder in die Emissionsreduktion noch in die Anpassung investiert wird, kann das die Nationen, vorsichtig geschätzt, 20 Prozent des Bruttonationalprodukts kosten. Mit ein bis zwei Prozent Investitionen in der Höhe des Bruttonationalprodukts in diesen Bereichen können die Kosten des Klimawandels jedoch in Schranken gehalten werden.

Eine gezielte Förderpolitik könnte der Dekarbonisierung einen Anreiz geben. Sehen Sie Förderungen oder Prämiensysteme als guten Weg?

Radunsky: Ich gehe sogar weiter. Das nächste Ziel wäre ein Personal Carbon Footprint. Man muss sich vorstellen, welche Dynamik das gewinnt, wenn sich Betriebe zum Ziel setzen: Wir wollen das Produkt mit dem niedrigsten Carbon Footprint herstellen. Das heißt, dass die Unternehmen ManagerInnen suchen, die selbst glaubwürdig sind. Und solche Manager werden sich wieder Mitarbeiter suchen, die auch glaubwürdig sind. Dann kommt es zu einem dramatischen Umschwung im Lebensstil.

Bei uns hat die Industrie bereits hohe Umweltstandards. Gibt es da noch Möglichkeiten zur Verbesserung?

Radunksy: Also da bin ich optimistisch. Dort, wo es Emissionen gibt, gibt es auch Wege, sie zu reduzieren. Menschen sind sehr innovativ, wenn sie sich ernsthaft dieses Ziel setzen.

Es war ein weiter Weg, das Bewusstsein zu schaffen, dass Klimaschutz notwendig ist. Es ist ein schwieriges Gebiet, auf dem Sie arbeiten.

Radunsky: Es ist schwierig, aber auch faszinierend, weil es wirklich das erste globale Problem ist, das nur global lösbar ist. Damit  zwingt es die verschiedenen Länder und Kulturen, sich an einen Tisch zu setzen und eine Lösung zu finden, die alle mittragen können.

Das Gespräch führten
Mag. Priska Koiner und Dr. Karl Grün