ON-Regel für islamische Finanzdienstleistungen

In der Europäischen Union leben rund 25 Millionen Muslime, in Österreich rund 600 000. So wie andere grundsätzliche Bedürfnisse unterliegen Finanzdienstleistungen im islamischen Glauben bestimmten Regeln.

Wien (AS prm, 2010-05-06)

Auf Initiative des Islamischen Informations- und Dokumentations-Zentrums Österreich (IIDZ) wurde bei Austrian Standards Institute die ON-Regel (ONR) ONR 142001-1 für Islamic Banking entwickelt.

Dieses europaweit erste normative Dokument für islamische Finanzdienstleistungen (IF) wurde am 1. Mai 2010 publiziert und am 6. Mai im Presseclub Concordia der Öffentlichkeit vorgestellt.

Günther Ahmed Rusznak, Präsident des IIDZ und Vorsitzender des verantwortlichen Arbeitsgremiums: „Aus dem Workshop 1143 ‚Halal-Produkte und Dienstleistungen‘, den wir gemeinsam mit Austrian Standards Institute ins Leben gerufen haben, sind bereits die sehr erfolgreichen Richtlinien für Halal-Lebensmittel – nach islamischem Recht erlaubte Speisen – hervorgegangen.

Mit der ON-Regel zu Islamic Banking haben wir nun Grundsätze und Anforderungen an Finanzprodukte und -dienstleistungen festgelegt, die sowohl dem geltenden Recht als auch dem islamischen Rechtssystem – also dem Koran und der Sunnah – entsprechen.“

Der Sektor für islamische Finanzdienstleistungen (IF)

... umfasst sowohl Geldinstitute als auch den Versicherungsbereich. Bei einem Bevölkerungsanteil von 1,3 Milliarden Muslimen weltweit erwirtschaftete dieser Bereich in den letzten Jahren Gewinne von mehreren hundert Milliarden Euro jährlich.

ONR 142001-1 soll Muslimen die Sicherheit geben, dass solcherart zertifizierte Produkte mit den Regeln des Islam konform gehen.

Darüber hinaus soll damit die österreichische und die europäische Wirtschaft bei der Erschließung dieses Zukunftsmarktes mit jährlichen Wachstumsraten von 10 bis 15 Prozent unterstützt werden.


Am Podium
(von links nach rechts):

  • Günther Ahmed Rusznak, Präsident des Islamischen Informations- und Dokumentationszentrum Österreich (IIDZ Austria), Vorsitzender des Workshops 1143 „Halal-Produkte und Dienstleistungen“
  • Dipl.-Ing. Dr. Karl Grün, Director Development, Austrian Standards Institute
  • Dr. Naser Al Ziyadat, Director Strategic Planning, Bait Al-Mashura Finance Consultation Co., Doha, Qatar
  • Dr. Johannes Stern, Director PR & Media, Austrian Standards Institute
  • Dipl.-Ing. Mohammed Madhoun, International Treasury Markets, Österreichische Volksbanken AG
  • Mag. Wilhelm Kerschbaum, Abt.-Leiter i.R., Österreichische Nationalbank
  • Dr. Abdessalam Jelidi, Wirtschaftskammer Wien, Referatsleiter Bildungspolitik und Berufsausbildung

Statements:

Dipl.-Ing. Dr. Karl Grün: „Bei der Erarbeitung waren nicht nur Fachleute aus Österreich involviert, sondern auch namhafte internationale Experten. Die ONR soll und wird dazu beitragen, zwischen Kunden im Kommerz- und Retailbereich und Banken, Sparkassen, Kreditinstituten sowie Finanzdienstleistern Vertrauen und Sicherheit bei Finanzprodukten und -dienstleistungen des Islamic Banking zu schaffen und auszubauen.“

Dr. Naser Al Ziyadat betonte, dass Islamic Banking nicht bedeute, dass es sich nur um Produkte von oder für Moslems handle. Die Bezeichnung drücke vielmehr aus, dass Geschäftsgebaren und Produkte auf ethischen Grundprinzipien aufbauen.

Zudem bedeute Islamic Banking, dass dabei in die Realwirtschaft investiert würde. Ein Prinzip, das seine Berechtigung gerade bei den Finanzkrisen der letzten Zeit unter Beweis gestellt habe: Während konventionelle Banken und Produkte weltweit kollabiert seien, konnten jene aus dem Sektor Islamic Banking um rund 25% zulegen.

Dipl.-Ing. Mohammed Madhoun hob hervor, dass die Ratingagentur Moodys das Marktpotential dieses Bereichs mit 5 Billionen US-Dollar in den nächsten vier Jahren beziffert.

Mag. Wilhelm Kerschbaum führte aus, dass es eine Besonderheit des Islamic Banking sei, dass den Investments reale Werte entgegenstehen und sich Kunde und Bank Gewinne und Verluste teilen.

Hintergrund:

Im Islam gibt es verschiedene Rechtsgrundsätze, die ein konventionelles von einem islamischen Banksystem unterscheiden.

Beim wichtigsten dieser Rechtsgrundsätze handelt es sich um das Zinsverbot. Geld, das nur auf der Bank liegt, darf keine Zinsen abwerfen, und auch für das alleinige Verleihen von Geld dürfen keine Zinsen verlangt werden.

Derzeit gibt es für in Österreich und in Europa lebende Muslime nur sehr wenige passende Finanzprodukte. Die Geldinstitute haben diese potentielle Zielgruppe bisher noch nicht wesentlich wahrgenommen. Und dies, obwohl das Wachstum besonders auch aufgrund seiner Altersstruktur – rund 40% der islamischen Bevölkerung ist unter 20 Jahre alt – hohes Potential bietet. Für die österreichische und die europäische Wirtschaft mithin ein viel versprechender Markt.


Bibliographie

ONR 142001-1  Islamic Banking; Teil 1: Anforderungen an Finanzprodukte und Finanzdienstleistungen

ONR 142001-1  Islamic Banking; Part 1: Requirements for financial products and financial services

ist im AS+ Webshop in deutsch und in englisch erhältlich.